Was bedeutet Jüngermachen?
Jesus sprach in Markus 4 über vier Arten von Menschen und veranschaulichte ihre Reaktion auf das Evangelium anhand von vier Samen:
- Der erste Same wurde sofort von Vögeln aufgepickt. Das sind Menschen, die das Evangelium hören und es einfach ignorieren.
- Der zweite Same fiel auf felsigen Boden mit einer dünnen Erdschicht. Die starke Sonnenhitze ließ ihn sofort verdorren. Das sind Menschen, die das Evangelium annehmen, sich aber wegen Bedrängnis und Verfolgung schnell wieder davon abwenden.
- Der dritte Same fiel zwischen Dornen und Unkraut. Sie wuchsen auf und erstickten sein Wachstum, sodass er keine Frucht brachte. Das sind mittelmäßige Christen, die das Evangelium annehmen, aber geistlich nicht wachsen. Warum? Weil sie sich von den Sorgen dieser Welt, der Verlockung des Geldes und anderen Prioritäten und Wünschen ablenken lassen.
- Der vierte Same fiel auf guten Boden, wuchs auf, nahm zu und vervielfältigte sich dreißig-, sechzig- und hundertfach. Das sind Menschen, die das Evangelium annehmen, geistlich wachsen und andere zu Christus führen. So entsteht geistliche Multiplikation.
Jesus bezeichnete neue Gläubige als Neugeborene. Ob wir selbst Kinder haben oder nicht: Wir alle wissen, dass ein neugeborenes Kind die persönliche Fürsorge eines Elternteils oder einer Betreuungsperson braucht, um zu wachsen und gesund zu bleiben. Ebenso braucht jeder geistlich Neugeborene einen geistlichen Elternteil, der sich persönlich in einer Eins-zu-eins-Beziehung um ihn kümmert.
Wir würden niemals daran denken, ein neugeborenes Kind auf einer Parkbank sich selbst zu überlassen und zu hoffen, dass es die nötige Nahrung und Fürsorge erhält. Doch genau so behandeln Gemeinden allzu oft ihre neugeborenen Christen. Sie hoffen, dass der neue Gläubige einen Freund findet, der seine Fragen beantwortet; hoffen, dass er eine Bibel besitzt; hoffen, dass er lernt, jeden Tag Zeit mit Gott zu verbringen; hoffen, dass er beten lernt; hoffen, dass er aus Gottes Wort Erkenntnisse gewinnt; hoffen, dass er die Bibel studieren lernt; hoffen, dass er Bibelverse auswendig lernt; und hoffen, dass er lernt, anderen von seinem Glauben zu erzählen.
Während des Zweiten Weltkriegs stellte Dawson Trotman fest: Wenn er sich persönlich Zeit für neu Bekehrte nahm, ihre Fragen beantwortete und ihnen half, Fähigkeiten zum geistlichen Wachstum zu entwickeln, kehrten sie viel seltener in die Welt zurück. Dawson wollte jedem neugeborenen Gläubigen – bildlich einer Pflanze – einfach ein geistlicher Elternteil sein: Er räumte Steine weg, fügte Erde hinzu und half, Dornen und Unkraut zu entfernen, die das geistliche Wachstum behindern würden. Durch diese persönliche Eins-zu-eins-Fürsorge stellte Dawson fest, dass der zweite und der dritte Same ebenso wie der vierte Frucht hervorbrachten und sich dreißig-, sechzig- und hundertfach vervielfältigten! „Andere Samen fielen auf guten Boden. Sie gingen auf, wuchsen und brachten Frucht, manche dreißigfach, manche sechzigfach, manche hundertfach.“ (Markus 4,8) Dawsons Vorgehensweise war so erfolgreich, dass daraus das übergemeindliche Werk „Die Navigatoren“ entstand.
Dawson folgte einfach dem Beispiel Jesu, des Paulus und der anderen Jünger. Die Jünger erhielten von Jesus persönliche Fürsorge. In Markus 3,14 heißt es: „Er setzte zwölf ein, damit sie bei ihm seien und er sie aussende, um zu predigen.“ Die Jünger verbrachten Zeit mit Jesus. Sie hörten ihm beim Lehren zu und sahen und beobachteten zugleich, wie er diente. In Apostelgeschichte 4,13 staunten die religiösen Führer über die Fähigkeiten und die Freimütigkeit dieser beiden Männer ohne formale Ausbildung, Petrus und Johannes. Sie begannen zu begreifen, wie dies möglich war: Sowohl Petrus als auch Johannes waren „mit Jesus zusammen gewesen“.
Paulus verstand die Bedeutung geistlicher Elternschaft. In 1. Timotheus 1,18 schreibt er: „Timotheus, mein Sohn.“ In 2. Timotheus 1,2 schreibt er: „An Timotheus, meinen geliebten Sohn …“ In 2. Timotheus 2,1 schreibt er: „Du nun, mein Sohn, sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist.“ Wenn Sie Timotheus fragen könnten, wie wichtig Paulus als geistlicher Elternteil für ihn war, was würde er Ihrer Meinung nach antworten? Auch Petrus verstand die Bedeutung geistlicher Elternschaft. In 1. Petrus 5,13 schreibt er: „… mein Sohn Markus.“
1963 erschien Dr. Robert Colemans Buch „The Master Plan of Evangelism“. Es behandelte die geistliche Elternschaft Jesu gegenüber seinen Jüngern. Heute ist es das meistverkaufte Buch über Evangelisation in der Geschichte.
Dr. Billie Hanks Jr. war Billy Grahams erster Praktikant, und Billy wurde ihm über viele Jahre hinweg ein geistlicher Elternteil. Billy Graham prägte Dr. Hanks’ Leben tiefgreifend. Als Billie weltweit Evangelisationen besuchte, wurde ihm sehr bewusst, dass Tausende geistlich Neugeborene niemanden hatten, der sich persönlich um sie kümmerte – niemanden, der ihre Fragen beantwortete und ihnen half, Fähigkeiten zum geistlichen Wachstum zu entwickeln, damit sie sich selbst aus Gottes Wort nähren und geistlich wachsen konnten.
Aus dieser Sorge heraus gründete Billie 1972 die International Evangelism Association. Statt neben der Gemeinde zu arbeiten, entschied er sich für einen Dienst innerhalb der Gemeinde: Er zeigte Gemeinden, wie sie geistliche Eltern trainieren konnten, die sich um jeden ihnen anvertrauten geistlich Neugeborenen kümmern würden. Außerdem wollte er theologischen Ausbildungsstätten helfen, Pastoren zu zeigen, wie sie geistliche Eltern heranbilden könnten, wenn sie ihren Dienst in Ortsgemeinden überall auf der Welt begannen. Gott segnete seine Bemühungen, und heute ist die International Evangelism Association der größte Herausgeber von Materialien zum Jüngermachen weltweit.
Im Laufe der Jahre wurde diese persönliche geistliche Eins-zu-eins-Fürsorge als Mentoring, Lernen bei einem erfahrenen Praktiker, geistliche Elternschaft und mit anderen Bezeichnungen beschrieben. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begann Dr. Craig Blaising, akademischer Leiter des Southwestern Baptist Theological Seminary, den Begriff Jüngermachen für diese persönliche geistliche Elternschaft in einer Eins-zu-eins-Beziehung zu verwenden. Damit unterschied er sie vom Begriff Jüngerschaft, der christliche Bildung im Allgemeinen bezeichnete. Dieser biblische Begriff Jüngermachen, der sich auf Matthäus 28,19 gründet, wird heute weltweit allgemein verwendet, wenn es um geistliche Elternschaft in Eins-zu-eins-Beziehungen für neue Gläubige und geistlich wachsende Gemeindemitglieder geht.